
- Ein buntes Stück Mauer - Christian Goldmann
Als ab November 1989 „zusammen wuchs, was zusammen gehört“ (Zitat Willy Brandt), als die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland fiel, machten sich sofort „Mauerspechte“ an die Arbeit, um den „antifaschistischen Schutzwall“, wie die Berliner Mauer gern in Politikerkreisen der DDR genannt wurde, in seine Einzelteile zu zerlegen. Hintergrund für diesen Eifer war einerseits der Hass auf das steingewordene Symbol der vierzigjährigen Trennung wie auch die Jagd nach einem Souvenir für Touristen aus aller Welt. Als größter Rest von diesem monströsen Bauwerk geblieben ist nur ein gut 1.300 Meter langer Streifen am Friedrichshainer Spreeufer.
Mauerrest wird Mahnmal
Nach einem Vorschlag von David Monti wurde auf Initiative der vormals getrennten Künstlerverbände der beiden deutschen Staaten als erstes gesamtdeutsches Kunstprojekt die Mauer an der Mühlenstraße ausersehen, um sie von Künstlern aus aller Welt bemalen zu lassen. Zu diesem Zweck wurde die East Side Gallery gegründet, bevor 118 Maler aus 21 Ländern ihre Emotionen und politischen Ansichten in Farbe umsetzen konnten. Den Mauerstreifen zierten nun auf seiner Ostseite, die zuvor zum Westberliner Stadtteil Kreuzberg gehörte, zahlreiche, äußerst farbenfrohe Bilder. Zur Spree hin, die damals die Grenze zwischen Ost und West bildete zeigte die Mauer weiterhin ihr graues, heute schon historisches Gesicht, hier allerdings mit weißer Farbe übertüncht, weil hin und wieder hohe Staatsbesucher der DDR an dieser Seite der Mauer entlang fuhren.
Am 28. September 1990 wurde die Bildergalerie eröffnet und 1991 unter Denkmalschutz gestellt.
Grundlegende Sanierung nach fast zwei Jahrzehnten
Da dieses Kunstwerk frei zugänglich und zudem den Unbilden des Wetters ausgeliefert ist, stand nach knapp zwanzig Jahren eine komplette Sanierung an. Zahlreiche Besucher glaubten sich auf den Bildern mit Kritzeleien verewigen zu müssen, Mauerspechte „erarbeiteten“ sich Souvenirs. Die Witterung tat ein Übriges, die Oberfläche wurde porös und drohte zu verfallen. Nachdem sich 1996 der Verein Künstlerinitiative East Side Gallery e.V. gegründet hatte, wurde die bereits im Jahr 2000 durchgeführte Restaurierung von 40 Kunstwerken initiiert. Ab Oktober 2008 wurde die weitere, nunmehr grundlegende Sanierung der East Side Gallery in Angriff genommen. Ein Großteil der Bilder wurde dabei restlos entfernt, die Mauer geglättet, verputzt und mit einer Schicht versehen, die dem Zahn der Zeit mehr Widerstand entgegensetzen soll als das Ausgangsmaterial.
87 Künstler malten ihr Bild ein zweites Mal an die Mauer
Die Künstler, die schon bis 1990 dieses Mauerstück bemalt hatten, wurden eingeladen, gegen eine Aufwandsentschädigung von 3.000 Euro ihr damaliges Werk zu wiederholen. Von den noch lebenden 100 Malern – ursprünglich waren es 118 – kamen 87 dieser Bitte nach und malten ihr Bild ein zweites Mal an die Mauer. Am 06. November 2009, also ziemlich genau zwanzig Jahre nach der Maueröffnung, kam es zur Wiedereröffnung der für rund eine Million Euro sanierten Galerie, nachdem die Mauer in Höhe der größten Mehrzweckhalle Berlins, der „O2 World“ auf einer Länge von 45 Metern durchbrochen worden war. Damit gelang die Rettung dieses auf der Welt einmaligen Kunstwerkes.
Mahnmal und Kunstwerk
Die East Side Gallery ist nicht nur auf Grund ihres Ausmaßes und der farbenfrohen Bilder sehenswert, sondern vor allem auch wegen der Aussagen der einzelnen Bilder. Die Künstler haben sich von dem hohen Symbolwert dieses Bauwerkes inspirieren lassen. Auf etlichen Bildern werden bedeutsame Episoden aus dem politischen Leben der DDR gezeigt. So ist u.a. der “Bruderkuss“ von Honecker und Breschnew hier für die Ewigkeit manifestiert. Daneben ziert ein Bild von Gorbatschow, der das staatstragende Symbol von Hammer und Sichel zum Lenkrad einer vermutlichen Luxuskarosse umfunktioniert hat, denn er wusste schon zu kommunistischen Zeiten, dass den zu spät Kommenden das Leben bestraft.
Symbolträchtige Bilder
Etliche Bilder nehmen Bezug auf den Fall der Mauer selbst, wie das Bild eines Trabbi, der die Mauer durchbricht oder die friedliche Demontage einer Mauer durch Kinder und Erwachsene verschiedenster Rassen. Diese Bild drückt auf anrührende Weise die Hoffnung aus, dass mit dem Abbau einer politischen Mauer auch die Mauer in den Köpfen der Menschen falle. Friedenstauben, religiöse Symbole und Lichtgestalten weisen auf den Weg zu einer friedlichen Welt, auf der für Jedermann Platz ist. Lustige Figuren und friedliche Naturbilder sorgen dafür, dass die pathetische Stimmung nicht überhandnimmt. Jeder Besucher wird sicher ein Bild finden, das ihn anspricht und ihm lange in Erinnerung bleibt.
